Wie erreichen wir Jugendliche?

Politische Bildung in der Aufmerksamkeitsökonomie

Diskussionsbeitrag von Manuel S. Hubacher, Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik PH FHNW und Zentrum für Demokratie Aarau ZDA, 24. März 2026

Wir leben in einer digitalisierten Gesellschaft. Mehr Inhalte und Anliegen als je zuvor buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Für die Politische Bildung stellen sich gewichtige Fragen: Wie lassen sich Jugendliche erreichen? Wie können ihnen relevante Kompetenzen und notwendiges Wissen vermittelt werden? Ein Blick auf ihre Medienwelt und erfolgreiche Praxisbeispiele zeigt: Es braucht Digital Citizenship Education.

Die Medienwelt der Jugendlichen

Blicken wir im Bus oder Tram kurz von unserem Endgerät auf und schauen uns um, dann sticht eines sofort ins Auge: Viele unserer Mitreisenden nutzen ihr Smartphone, um ihre Feeds zu konsultieren, um Musik oder Podcasts zu hören, um mit Bekannten und Freunden in Kontakt zu bleiben oder sich zu informieren. Smartphone, soziale Medien, Messenger und andere digitale Tools sind selbstverständlicher Teil unseres Alltages. Wir wechseln fluide zwischen digitalen Räumen und unserer analogen Umwelt.

Dies trifft insbesondere auf Jugendliche und junge Erwachsene zu: Die grosse Mehrheit der Schweizer Jugendlichen ab 12 Jahren nutzt das Internet unter der Woche mehr als drei, an Wochenenden gar mehr als vier Stunden pro Tag.1 Dabei stehen für sie die Pflege sozialer Kontakte und Unterhaltung im Vordergrund. Sich zu informieren gehört aber ebenfalls zu den wichtigsten Aktivitäten. Soziale Medien sind für Jugendliche und junge Erwachsene darüber hinaus Plattformen für Selbstausdruck, Meinungsäusserung und für das Finden ihrer politischen Stimme. Damit stellt sich für die Politische Bildung die Frage: Was müssen Bürger*innen wissen und können, um mündig an der digitalen Gesellschaft teilzuhaben?

Zwischen Partizipationspotenzial und Konsumhaltung

Die Auswirkungen der Digitalisierung auf Demokratie, Öffentlichkeit und Meinungsbildung sind ambivalent. Einerseits vereinfachen soziale Medien etwa die Organisation legitimer politischer Interessen und zuvor marginalisierte Minderheiten können sich Gehör verschaffen. Andererseits erleben wir die einfachere Verbreitung von Desinformation, Hassrede und Bullshit. Wie bewegen sich Jugendliche in diesem Kontext?

Timo Ritler (zukünftig Jugendkommission VS) und Sirangsivi Subramaniam (Commission de jeunes VD) − zwei junge Menschen, die in ihrem Kanton politisch aktiv sind − gewährten an der Mitgliederversammlung der Interkantonalen Fachkonferenz Citoyenneté IFC vom 4. Dezember 2025 Einblick in ihre Mediennutzung. Instagram sei ein wichtiger Kanal, um sich über Politisches zu informieren, den sie um öffentlich-rechtliche Medien (SRFRTS) und spezialisierte Angebote (z. B. easyvote) ergänzen.

Die Themen wechselten aber schnell. Zudem erschienen internationale politische Inhalte rasch in den Feeds, während lokale Themen je nach Region unterrepräsentiert seien. Zuletzt habe beispielsweise die New Yorker Bürgermeister*innenwahl oder der Budgetstreit in Frankreich viel Aufmerksamkeit erhalten. Was den beiden ebenfalls aufgefallen ist, sind die Versuche von Behörden und öffentlich-rechtlichen Medien, «jugendnah» zu kommunizieren. Diese seien zwar manchmal erfolgreich, oftmals seien die Versuche aber wenig ansprechend und als solche erkennbar. Um Interesse zu wecken, müssten die Inhalte eher von Jugendlichen selbst kommen.

Soziale Medien sind für Jugendliche Plattformen für Selbstausdruck, Meinungsäusserung und für das Finden ihrer politischen Stimme. Was müssen Bürger*innen wissen und können, um mündig an der digitalen Gesellschaft teilzuhaben?

Was sagt die Forschung?

Klar ist, dass sich nicht alle so aktiv wie die beiden über Politisches informieren. Aber auch wer dies nicht tut, wird mit politischen Inhalten konfrontiert. Das Problem hierbei ist jedoch: Die Entscheidung, welche Inhalte relevant sind, wird an die Plattformbetreiber*innen delegiert. Sie entscheiden entlang ökonomischer Kriterien, was gepusht wird. Dies kann – zusammen mit den oben genannten Punkten – zu einer Informationsverzerrung führen. Das Vorurteil, es fehle das politische Interesse, greift zu kurz: Interesse ist vorhanden, jedoch themenspezifisch.2 Jugendliche bevorzugen zudem kürzere, kostenlose Inhalte mit Vertiefungsmöglichkeiten.

Wie sieht es hinsichtlich der aktiven Nutzung aus? Jugendliche posten selber eher selten bis nie öffentlich, wie Studien zeigen.3 Die Gründe dafür sind vielfältig. Das Gefühl, zu jung zu sein, oder die Schwierigkeit, die Folgen von Onlinepartizipation abzuschätzen, können Jugendliche davon abhalten, sich aktiv zu engagieren. Dazu kommen Zweifel an den eigenen Einflussmöglichkeiten oder Angst vor Hassrede und Anfeindungen als Gründe für ihre Zurückhaltung.4

Diese Punkte illustrieren: Als Konsument*innen digitaler Inhalte sehen sie sich mit intransparenten Selektionsmechanismen konfrontiert. Zudem hemmen fehlende Kompetenzen, strukturelle Barrieren und berechtigte Ängste ihre Teilhabe potenziell. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, kann Politische Bildung auf das Konzept der Digital Citizenship zurückgreifen.

Es braucht Digital Citizenship Education

Um sich an der digitalen Gesellschaft beteiligen zu können, braucht es – neben Ressourcen wie Zeit, Endgeräten und Internetzugang – Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien.5 Wie das obige Beispiel illustriert, besitzen manche Jugendliche für Digital Citizenship wichtige Kompetenzen. Diese sind jedoch ungleich verteilt. Die digitale Kluft besteht damit zwischen jenen, welche die Funktionsweisen sozialer Medien und anderer Plattformen kennen, verstehen und für ihre Interessen einsetzen können, und jenen ohne diese Kompetenzen. Die digitale Kluft schreibt so Ausschlüsse fort und schafft neue.

Digital Citizenship beschreibt, was es bedeutet, Bürger*in einer digitalisierten Gesellschaft zu sein: eine Kombination digitaler Kompetenzen, kritischer Reflexion und Partizipationsfähigkeit zur konstruktiven und verantwortungsbewussten demokratischen Teilhabe.6 Bürger*innen sollen digitale Technologien bewusst nutzen, kritisieren und mitgestalten können. Dies erfordert unter anderem, algorithmische Selektionsmechanismen und ‑logiken durchschauen, den eigenen Informationsmix bewusst zusammenstellen, Manipulationsversuche erkennen und die Folgen eigener Onlinepartizipation einschätzen zu können.

Digitale Medien für die Politische Bildung

Wie lässt sich das notwendige politische Wissen aufbauen? Wie können Jugendliche erreicht werden? Das von Bruno Hauser und Mario Thoma am 4. Dezember in der IFC vorgestellte Projekt smartbleibenGL  des Kantons Glarus zeigt, wie digitale Lehrmittel u. a. Wissen über institutionelle Politik und direkte sowie indirekte Mitwirkungsmöglichkeiten multimedial vermitteln können. Das Angebot richtet sich explizit nicht nur an Schüler*innen, sondern an alle Altersstufen. Solche Angebote sind für die Politische Bildung unerlässlich.

Die von Beat Hatz vorgestellte Kampagne des Kantons Graubündens für die neue kantonale Rechtsgrundlage für Kinder- und Jugendpolitik nutzte virale Social-Media-Inhalte zur Aufmerksamkeitsgenerierung.7 Die Erfahrungen damit zeigen aber auch die Grenzen dieses Zuganges auf: Die Lebenswelt der Jugendlichen ist «fluid», während langfristiges Engagement eher die Ausnahme ist. Daran anschliessend stellt sich die Frage, wie man junge Menschen dauerhaft involvieren kann, damit deren Partizipation nicht nur episodenhaft bleibt.

Digital Citizenship als Querschnittsaufgabe

Die Beispiele unterstreichen: Wir können digitale Medien erfolgreich für die Politische Bildung einsetzen. Um die digitale Kluft zu schliessen, braucht es zudem eine Digital Citizenship Education, die Jugendlichen die Kompetenzen vermittelt, um in einer digitalisierten Gesellschaft mündig zu partizipieren. Damit dies gelingen kann, ist Digital Citizenship Education und Politische Bildung als Querschnittsaufgabe verschiedener Fächer sowie der schulischen und ausserschulischen Bildung zu verstehen.

Infobox

Der Text entstand ausgehend von einer beobachtenden Teilnahme des Autors am Themenschwerpunkt «Medien und Politische Bildung». Dieser war Teil der Mitgliederversammlung der Interkantonalen Fachkonferenz Citoyenneté IFC vom 4. Dezember 2025 (online). Dabei standen unterschiedliche Aspekte der medialen Vermittlung von Politik und Politischer Bildung im Zentrum. Bruno Hauser und Mario Thoma (GL) präsentierten die Plattform smartbleibenGL, Beat Hatz (GR) gab Einblicke in den Prozess hin zur neuen kantonalen Rechtsgrundlage für Kinder- und Jugendpolitik, Timo Ritler (zukünftig Jugendkommission VS) und Sirangsivi Subramaniam (Commission de jeunes VD) diskutierten Aspekte ihrer eigenen Mediennutzung.

Referenzen

1 Céline Kulling-Knecht, Gregor Waller, Isabel Willemse, u. a., JAMES: Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz, Ergebnisbericht (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, 2025).

2 gfs.bern, Die Politisierungswelle der letzten Jahre flacht zunehmend ab: Der harte Kern der politisierten Jugend hält jedoch stand, easyvote-Politikmonitor 2023 (DSJ, 2023).

3 Z. B. Kulling-Knecht u. a., JAMES; Melanie Weiser, Paulina Fröhlich, Pablo Jost, und Hannah Fecher, How to Sell Democracy Online (Fast) (Das progressive Zentrum, 2025).

4 Georg Materna, Achim Lauber, und Niels Brüggen, Politisches Bildhandeln: der Umgang Jugendlicher mit visuellen politischen, populistischen und extremistischen Inhalten in sozialen Medien, Medienpädagogik 23 (kopaed, 2021).

5 Steve Kenner und Dirk Lange, «Digitalisierung als Herausforderung für politische Bildung: Im Spannungsfeld von inklusiven Praxen und neuen Formen der Exklusion», in Jetzt erst recht: politische Bildung! Bestandsaufnahme und bildungspolitische Forderungen, hg. von Andreas Eis, Gesine Bade, Achim Albrecht, Uwe Jakubczyk, und Bernd Overwien, Wochenschau Wissenschaft (Wochenschau, 2020).

6 Moonsun Choi, «A Concept Analysis of Digital Citizenship for Democratic Citizenship Education in the Internet Age», Theory & Research in Social Education 44, Nr. 4 (2016): 565–607; Janice Richardson und Elizabeth Milovidov, Digital Citizenship Education (DCE) Handbuch: Online sein, Wohlergehen im Internet, Rechte im Internet (Council of Europe, 2022); Monika Waldis, «‹Civic media literacy›, ‹digital citizenship› und Politische Kompetenz: Annäherungen an ein theoretisches Rahmenmodell für die digitale Politische Bildung», in Demokratieerziehung und die Bildung digitaler Öffentlichkeit, hg. von Ulrich Binder und Johannes Drerup (Springer VS, 2020).

7 Ein erstes Video, in dem Regierungsrat Marcus Caduff vermeintlich beim BMX-Fahren zu sehen ist, generierte mit rund 200 000 Aufrufen in drei bis vier Tagen beachtliche Reichweite, bevor die Auflösung durch ein zweites Video erfolgte.

Zum Autor

Manuel S. Hubacher studierte Politikwissenschaft und politische Philosophie an der Universität Bern und promovierte 2023 in politischer Philosophie. Seit 2016 arbeitet er am Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik der PH FHNW und am Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA). Seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte umfassen Digital Citizenship Education, Argumentieren und Urteilen sowie die Entwicklung von Lehrmaterialien für PB-Tools, die Open Educational Ressource des ZDA.

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